Das "Dementi" von sma+ Partner
Kommentierte Stellungnahme der SMA vom 28.07.2010
Die Stellungnahme der SMA und Partner AG vom 28. Juli 2010 ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Projektbefürworter - so jedenfalls liest es sich zwischen den Zeilen...
- SMA und Partner bestätigen gravierende Mängel bei der Fahrbarkeit von S21.
sma+ Partner: "Das aus den Charts abgeleitete Fazit entspricht nicht dem aktuellen Projektstand. Das Projekt ist kontinuierlich weiterentwickelt worden. Mit dem vom Land Baden-Württemberg und von DB Fernverkehr gewünschten Mengengerüst (d.h. Anzahl Züge über die verschiedenen Infrastrukturelemente) entstehen an verschiedenen Stellen fahrplantechnisch anspruchsvolle Konstruktionen. Die definitive Fahrbarkeit hierfür kann nur durch die Simulationen von DB Netz bestätigt werden." - Zwischen den Zeilen...: "Mit den Vorgaben des Landes bzgl. Zugmengen und Infrastruktur ist das Projekt fahrbar. Ob diese Mengen sinnvoll oder, noch wichtiger, zukünftig auch ausbaufähig sind, erwähnen wir geflissentlich nicht. Sicherheitshalber distanzieren wir uns auch für das vorgegebene Konzept des Landes schon mal von der "definitiven Fahrbarkeit". Hierfür ist allein die DB-Netz verantwortlich."
- Ursache für die aufgezeigten Engpässe ist die zu knapp ausgelegte Infrastruktur.
sma+ Partner: "Eine knapp ausgelegte Infrastruktur muss nicht zwangsläufig zu Engpässen führen, sondern bedarf einer sehr intensiven und iterativen Abstimmung zwischen der verfügbaren Infrastruktur und dem gewünschten Angebot bzw. dem daraus entwickelten Fahrplankonzept." - Zwischen den Zeilen...: "Die Infrastruktur IST knapp ausgelegt und das kann durchaus zu Engpässen führen, auch wenn es nicht zwingend sein muss. Engpässe überhaupt zu vermeiden ist bereits bei den derzeitigen Vorgaben des Landes sehr kompliziert. Sollten die Vorgaben jemals geändert werden (z.B. durch ein verbessertes Fahrplanangebot mit höheren Verkehrszahlen) oder sollte es gar zu einem Störfall kommen, wird - mangels Pufferkapazitäten im Netz - das ganze System unweigerlich in sich zusammenbrechen."
- Die Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofs ist deutlich geringer als versprochen. Der Bahnhof wird zum Nadelöhr.
sma+ Partner: "SMA hat die Leistungsfähigkeiten von Durchgangsbahnhof und Kopfbahnhof als isolierte Elemente nicht analysiert und nicht verglichen. Im Rahmen der Untersuchung hat sich der Tiefbahnhof Stuttgart nicht als limitierender Faktor erwiesen." - Zwischen den Zeilen...: "SMA war nicht beauftragt, die Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs mit jener des Durchgangsbahnhofs zu vergleichen. Auf diese Weise konnten auch konsequent unerwünschte Erkenntnisse vermieden werden, die den Nutzen des Tiefbahnhofes noch mehr in Frage gestellt hätten. Die Projektträger Land BW und DB bevorzugen es vielmehr, ihr Gewissen nicht mit noch mehr unangenehmen Wahrheiten zu belasten, welche sie dann womöglich auch noch, mit offenem Ergebnis, in die Gesamtabwägung einstellen müssten.
So ist denn auch der Tiefbahnhof, aufgrund der von den Befürwortern zuvor selbst zusammengeschrumpften Vorgaben, tatsächlich nicht das Nadelöhr im Konzept. Das Nadelöhr gibt es aber, es befindet sich nur woanders- wir dürfen aber hier nicht sagen, wo. Wir wissen es aber leider auch gar nicht, da wir bedauerlicherweise nicht beauftragt wurden, danach zu suchen..." - Die vorhandene Infrastruktur im Wirtschaftsraum Mittlerer Neckar wird reduziert.
sma+ Partner: "Jeder Rückbau von bestehender Infrastruktur führt zu einer Reduktion der bestehenden Infrastruktur. Mit den geplanten Neubauabschnitten entsteht ein neues Netzsystem mit veränderten Angebotsmöglichkeiten." - Zwischen den Zeilen...: "Ja, die Infrastruktur wird reduziert. Stattdessen wird ja schließlich was Neues gebaut. Ob das aber genauso gut, oder gar besser ist als der Bestand, darüber schweigen wir uns lieber aus, nicht ohne zu erwähnen, dass die neue Infrastruktur zumindest für den Bedarf ausreicht, den das Land unterstellt bzw. vorgibt. Ob die Vorgaben des Landes realistisch, zukunftsfähig oder gar ausbaufähig sind, müssen wir an dieser Stelle glücklicherweise nicht bewerten."
- Es gibt gravierende Nachteile für die S-Bahn, die Gäubahn und die Verknüpfung von Verkehrslinien.
sma+ Partner: "Fahrplantechnisch gibt es keine Nachteile für die S-Bahn und die Gäubahn. Das Fahrplankonzept der S-Bahn ist noch nicht definitiv. Auch hier ist auf die Ergebnisse der Simulationen von DB Netz zu verweisen. Für die Gäubahn wurde eine andere, als die in den Charts dargestellte Fahrplanlösung gefunden. Die dargestellten Fahrzeitverlängerungen konnten somit vermieden werden. Die vom Land gewünschte Verknüpfung der einzelnen Linienäste konnte vollumfänglich erreicht werden." - Zwischen den Zeilen...: "Fahrplantechnisch gibt es keine Nachteile, andere aber schon! Ein Fahrplankonzept gibt es daher auch noch nicht, das heißt, das Problem konnte bis heute noch immer nicht gelöst werden. Glücklicherweise ist auch hierfür die DB-Netz zuständig, wir selbst lehnen jede Verantwortung kategorisch ab (da wir, als fachlich hochkompetentes Unternehmen wissen, dass unter den gegeben Voraussetzungen eine zufrieden stellende Lösung unmöglich sein wird).Allerdings konnten als Ergebnis des Planungsfortschritts Fahrzeitverlängerungen nun doch vermieden werden. Über die versprochenen Fahrzeitverkürzungen reden wir an dieser Stelle aber nicht- es gäbe dazu auch nichts zu sagen.
Um uns nochmals schon jetzt gegen Regressansprüche abzusichern, verweisen wir zudem darauf, dass die VOM LAND GEWÜNSCHTEN Verknüpfungen alle erreicht werden können. Was wir uns für ein modernes, zukunftsfähiges Verkehrssystem an Verknüpfungen und Ausbauspielräumen gewünscht hätten, war zum Glück nicht Geschäftsgrundlage, dann nämlich müssten wir eingestehen, dass ein moderner Zugverkehr auf Basis der vorliegenden Planungen keinesfalls möglich sein wird." - Ein Integraler Taktfahrplan ITF ist mit Stuttgart 21 nicht machbar.
sma+ Partner: "Die gewünschten ITF-Taktknoten ließen sich landesweit gemäß der Planungsprämisse - Festhalten der heutigen Taktknoten - umsetzen. Aufgrund anderer Restriktionen wie Einführung neuer Konzepte werden sich künftig unabhängig von Stuttgart 21 Änderungen einiger bestehender Knotenzeiten ergeben." - Zwischen den Zeilen...: "Die VOM LAND GEWÜNSCHTEN Taktknoten lassen sich schon umsetzen (wir hätten uns allerdings deutlich mehr gewünscht (vgl. oben).
Wenn der Fahrplan dann schließlich doch zusammenbricht, dann wird das auf schon jetzt bekannte, bzw. vorhersehbare Faktoren zurückzuführen sein, die nicht im ursächlichen Zusammenhang mit Stuttgart 21 stehen. Auf diese Feststellung legen unsere Auftraggeber denn auch ganz besonderen Wert, um für das zukünftige, vorhersehbare Chaos nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, und um insbesondere schon heute, durch eine vorausschauende Planung, nicht noch wesentlich mehr Projektkosten auftürmen zu müssen. Schließlich sind schon die bisher bekannten Kosten ohne völligen Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust nicht zu vertreten.
Es wird also sehr wahrscheinlich zukünftig zu Änderungen der Knotenzeiten kommen, und wenn diese Änderungen zu Verbesserungen führen würden, wären wir die ersten, die das an dieser Stelle gerne erwähnen würden. Deshalb tun wir´s auch nicht, denn wenigstens wir als Gutachter wollen glaubwürdig bleiben, wir haben schließlich noch einen guten Ruf zu verlieren- im Gegensatz zu einigen anderen." - Die These, dass Stuttgart 21 die doppelte Leistungsfähigkeit wie der Kopfbahnhof besitzt, ist widerlegt.
sma+ Partner: "SMA hat die Leistungsfähigkeiten von Durchgangsbahnhof und Kopfbahnhof als isolierte Elemente nicht analysiert und nicht verglichen." - Zwischen den Zeilen...: "Wie oben schon gesagt, waren wir nicht beauftragt, die beiden Konzepte miteinander zu vergleichen. Allerdings hätten wir es sicher sehr gerne getan. Zum einen, weil es ein sehr schöner, lukrativer Auftrag gewesen wäre, zum andern, weil wir uns dann jetzt nicht, bis nahe an den Rand der Rufschädigung verbiegen müssten, um der Landesregierung in Baden-Württemberg die politischen Kohlen aus dem Feuer zu holen. Als sachlich und fachlich kompetente und leidenschaftliche Planer hätten wir uns zudem auch ganz persönlich sehr darüber gefreut, wenn am Ende eines solchen Vergleichs, in einem nachvollziehbaren und transparenten Verfahren, einfach die wirklich bessere Lösung den Zuschlag bekommen hätte, welche auch immer. Das wäre dann auch richtig tolle Werbung für uns gewesen, stattdessen müssen wir uns jetzt schon sehr anstrengen, dass in Zukunft unser guter Name nicht durch den Dreck gezogen wird."
- Aufgrund der Engpässe besteht die Gefahr, dass in Zukunft Züge um Stuttgart herum geführt werden müssen.
sma+ Partner: "Das geforderte Mengengerüst kann mit der vorgesehenen Infrastruktur im ausgearbeiteten Fahrplankonzept umgesetzt werden. Im Rahmen der Untersuchung hat sich der Tiefbahnhof Stuttgart nicht als limitierendes Element erwiesen. Für einen weitergehenden Verkehrszuwachs werden Infrastrukturanpassungen im Großknoten Stuttgart eher an anderer Stelle erforderlich werden, wie beispielsweise die Realisierung des als Option vorgesehenen zweigleisigen Ausbaus der Wendlinger Kurve. Ob und welche Infrastrukturmaßnahmen in diesem Fall erforderlich werden, war jedoch nicht Gegenstand der Untersuchungen." - Zwischen den Zeilen...: "Das Land hat seine Mengenvorgaben natürlich entsprechend begrenzt, so dass die geplante Infrastruktur auch ausreicht. Daher können wir ja auch auftragsgemäß feststellen, dass mit diesen Vorgaben der Tiefbahnhof nicht zum Engpass wird und müssen uns auch nicht dafür rechtfertigen, dass dieser durch unsere Expertise noch weiter unter Beschuss gerät.
Engpässe wird es dann eben an anderer Stelle geben. Um den Projektgegnern hier keine allzu offene Flanke darzubieten, dürfen wir an dieser Stelle sogar erwähnen, dass es sich dabei unter anderem um die Wendlinger Kurve handelt, die doch wirklich besser zweigleisig ausgebaut werden sollte. Diese Feststellung ermöglich uns dann auch ein wenig unser Gesicht zu wahren, aber mehr noch wird sich die Politik damit brüsten, dass sie sich tatsächlich bewegt, und doch wirklich alles tut, um das Projekt zu optimieren (und so darüber hinwegzutäuschen versucht, was sie dennoch weiterhin beabsichtigt zu unterlassen)
Das haben wir aber so kommen sehen, weshalb wir vorsorglich darauf verweisen, dass die Wendlinger Kurve nur ein möglicher geplanter Engpass von mehreren ist, der zu beseitigen wäre. Auch möchten wir hier durchblicken lassen, dass derzeit noch niemandem bekannt ist, welche Engpässe das sonst noch wären, was wir völlig unverantwortlich finden und uns regelrecht physische Schmerzen bereitet. Also, bitte zur Kenntnis nehmen: auch hier waren uns die Hände - leider - gebunden.
Wenigstens ist es uns noch gelungen darauf hinzuweisen, dass jeder weitergehende Verkehrszuwachs unweigerlich eine Beseitigung dieser Engpässe zwingend erfordert, womit wir nochmals so deutlich wie möglich, ohne unseren Auftraggeber völlig bloßzustellen und mit der Gretchenfrage zu konfrontieren, gesagt haben wollen, dass die bisherige Planung völlig auf Kante genäht ist, und keinerlei Kapazitätsoder Sicherheitsreserven vorsieht, was uns in der Seele wehtut.
Es hat nun aber mittlerweile hoffentlich wirklich jeder Leser verstanden, dass WIR von den Vorgaben des Landes nicht sonderlich überzeugt sind, dass sie vielmehr an unserem eidgenössischen Selbstverständnis rühren, gerade auch, wenn wir, die wir mit Bürgerbeteiligung viel Erfahrung haben, zusehen müssen, wie zum einen unser geballtes Knowhow bewusst nicht vollumfänglich abgerufen wird, aber stattdessen unser nachweislicher Sachverstand politisch instrumentalisiert werden soll."
Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 bedankt sich ganz herzlich beim anonymen Verfasser "Der Eidgenosse" für die zur Verfügung gestellten Ausführungen. Wir hätten es nicht besser sagen können.

