Aktuelles

  • Unterirdische Güterlogistik in der S21-Infrastruktur
    16. April 2021

    Alternativen zum Weiterso
    Eine wissenschaftliche Studie bestätigt nun die Plausibilität: In den S21-Tunneln müssen nicht auf Gedeih und Verderb Züge fahren.
    Am Freitag, 16. April haben die Professoren Dr. Philipp Precht und Dr. Mathias Wilde von der Hochschule Coburg diese von ihnen erstellte eindrucksvolle Studie der Presse vorgestellt.
    Hier ist sie: (hier die Studie als pdf-Datei)

    Die Präsentation fand am Freitag, 17. April im Rahmen einer digitalen Pressekonferenz statt.
    hier die Präsentations-Folien als pdf-Datei

    In einer Pressemeldung dazu schreibt das Aktionsbündnis:
    (hier die Pressemeldung als pdf-Datei)

    S21-Tunnel und -baugrube könnten für ein System vollautomatisierter Güterlogistik wirtschaftlich betrieben werden, würden eine erhebliche Entlastung der Innenstadt von Güter- und Lieferverkehren ermöglichen und wären ein „signifikanter Beitrag zur Reduzierung von Emissionen“.

    Das ist das Ergebnis einer Plausibilitätsstudie, die die Logistik-Professoren Dr. Philipp Precht und Dr. Mathias Wilde von der Hochschule Coburg im Auftrag des Aktionsbündnisses erstellt haben[1]. Precht arbeitet schwerpunktmäßig zu Logistik und Supply Chain Management, Wilde im Bereich regionale Verkehrsgestaltung und nachhaltige Mobilität.

    Der Straßengüterverkehr nimmt zu, vor allem der Lieferverkehr. Das beeinträchtigt Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität der Bürger*innen, insbesondere in Innenstädten wie Stuttgart. Zudem erzeugt der Verkehr große Mengen an Treibhausgasen. Ernst zu nehmende Klimapolitik muss deshalb auch die Verkehrswende in der Güterlogistik anstreben.

    Deshalb wird seit einiger Zeit weltweit mit Konzepten unterirdischer City-Logistik (U-Logistik) experimentiert. Am weitesten in Deutschland ist Hamburg; dort wurde nach dem positiven Ergebnis einer Machbarkeitsstudie ein entsprechendes Projekt gestartet. Die Klimabilanz von U-City-Logistik hängt allerdings entscheidend davon ab, ob bestehende Infrastruktur genutzt oder neue aufwändig, mit viel Betoneinsatz und damit THG-Emissionen gebaut werden muss. Hier bietet Stuttgart mit der bereits erstellten S21-Infrastruktur ideale Voraussetzungen: Sie ermöglicht Verbindungen von den Güterumschlagplätzen an den Stadträndern direkt zu einem zentralen Umschlagplatz, einem „City-HUB“ in der Baugrube.

    Zunächst ermittelten Precht und Wilde mit einer aufwändigen Methodik, dass in einem erweiterten Innenstadtbereich pro Jahr 1.5 Mio. Paletten, was 121 Mio. Packstücken entspricht, verlagerbar sind. Eine betriebswirtschaftliche Rechnung in verschiedenen Szenarien ergibt einen mittelern Preis von 6 € pro Palette für den Transport auf der vorletzten Meile – eine Größenordnung, die laut Gutachter in der Logistikbranche als wettbewerbsfähig gilt. Die Feinverteilung auf der letzten Meile, v.a. vom City HUB Bahnhofsgrube aus übernehmen dann elektrische Kleinfahrzeuge, wie z.B. Lastenräder. Für die CO2-Emissionen ergibt sich je nach Szenario ein Einsparpotential von 322 bis 1.070 t CO2 pro Jahr.

    Nachdem sich das Konzept nach Aussage der Wissenschaftler als „plausibel“ erwiesen hat, empfehlen sie als nächsten Schritt eine Machbarkeitsstudie, wie sie in Hamburg bereits erfolgreich durchgeführt wurde. Nicht Auftragsgegenstand der Studie war die Frage, ob und wie welche Elemente des bisher Gebauten bzw. Zerstörten erhalten bzw. umgenutzt werden können, um die S21-Anlagen für unterirdische Güterlogistik nutzen zu können. Daran arbeitet seit längerem das Expertenteam der Umstiegsgruppe des Aktionsbündnisses. Ein Update des Umstiegskonzepts soll in nächster Zeit vorgestellt werden.

     

    Kontakt (auch zu den Autoren der Studie): Werner Sauerborn 0171 320 890 1

    [1] Ph. Precht/ M. Wilde, Plausibilitätsstudie S21 Güterlogistik – Nutzung des S21-Systems für die unterirdische Güterlogistik im Sinne der „Vorletzten Meile“, Coburg, April 2021, s. www.umstieg-21.de

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  • Klima muss auch bei Stuttgart 21 höchste Priorität haben
    8. April 2021

    (hier als pdf-Datei)

    Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Kretschmann!
    Sehr geehrte Mitglieder des Landesvorstands der Grünen!

    Mit der jüngsten Landtagswahl ist eine neue Lage entstanden: Die Grünen können viel deutlichere eigene Akzente setzen als bisher und klare Forderungen an die CDU richten.

    Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 bittet Sie deshalb, bei den nun anstehenden Koalitionsverhandlungen besonders im Blick auf das Projekt „Stuttgart 21“ mit einer Neujustierung Ihrer Position Verantwortung für die Zukunft des Landes zu zeigen.

    Dabei sollen nicht „Schlachten von gestern geschlagen“, sondern die aktuellen Problemstellungen berücksichtigt werden: allen voran der weit vorangeschrittene Klimawandel, aber auch die Gefahr, dass S21 zur Bauruine werden kann.

    Zur Bauruine droht S21 zu werden, weil die Bahn ein detailliertes Brandschutzkonzept erst nach Abschluss aller Bauarbeiten vorlegen will. Gegenüber dem bislang von der Bahn vorgelegten unzulänglichen Konzept (siehe Report Mainz vom 30.3.21, kontext in taz vom 3.4.21 u.a.) werden ganz erhebliche – kostspielige und zeitraubende – Nachrüstungen gefordert werden bzw. für eine Betriebsgenehmigung erhebliche Einschränkungen des Zugverkehrs zu erwarten sein. Anders als beim ähnlich gelagerten Fall des BER dürfte eine nachträgliche Behebung der Brandschutzdefizite bei S21 gar nicht mehr möglich sein. Das Grundrecht auf Leib und Leben hat absolutem Vorrang, auch vor dem S21-Finanzierungsvertrag.

    Sehr begrüßen wir, dass Sie „Klima, Klima und nochmal Klima“ zur höchsten Prioritär bei den jetzt beginnenden Koalitionsverhandlungen erklärt haben. Mit Stuttgart 21 liegt eine der entscheiden Stellschrauben für einen Ausstieg aus der Spirale der Erderhitzung in Ihrer Verantwortung als Landesregierung. Zur Bekämpfung des Klimawandels muss statt eines Rückbaus ein ganz erheblicher Zuwachs an Leistung und Attraktivität des gesamten Bahnknotens (inklusive Filderbereich) erreicht werden. Statt lediglich für Fernverbindungen ist ein Integraler Taktverkehr auch zum Regionalverkehr erforderlich, sowie ein leistungsfähiges S-Bahn-Notfallkonzept und eine ausreichende Redundanz von Verbindungen (z.B. bei Sperrung eines Tunnels). Weiterer Bodenversiegelung auf den Fildern und im Rosensteinareal müssen, ebenso wie beton- und damit CO2-intensiven sogenannten Ergänzungsprojekten Einhalt geboten werden. Alles muss auf den Prüfstand der Klimaverträglichkeit, auch und gerade Stuttgart 21!

    Sollten Teile von Stuttgart 21 keinen leistungsfähigen Zugverkehr ermöglichen, böten die Tunnels die einmalige Chance, sie auf innovative Weise klimaschonend zu nutzen: für vollautomatischen führerlosen Warenverkehr zwischen Peripherie und Zentrum („City-Logistik“). Hierzu wird das Aktionsbündnis in Kürze detaillierte Vorschläge vorstellen.

    Wir würden uns freuen, wenn Sie sich in den Koalitionsverhandlungen auf eine Vereinbarung in diesem Sinne verständigen könnten:

    „Für das 1,5-Grad-Ziel beim Klimawandel ist das Land auf einen hoch attraktiven und leistungsfähigen Bahnverkehr angewiesen. Klimapolitische Kollateralschäden beim Bau von Bahninfrastruktur müssen vermieden werden. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass anstehende Baumaßnahmen und Vergaben grundsätzlich bis zur Klärung ihrer Folgen für Klima, Leistungsfähigkeit und Sicherheit ausgesetzt werden.“

    Mit freundlichen Grüßen,
    Martin Poguntke    Dr. Eisenhart von Loeper     Dr. Norbert Bongartz

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  • PM: Bahn erschwindelt Brandschutz-Genehmigungen
    30. März 2021

    (hier als pdf-Datei)

    Für Stuttgart 21 wurden Kaltereignisse als Brandereignisse ausgegeben

    Durch eingehende Analyse der Unterlagen zur S21-Brandschutzplanung der Deutschen Bahn hat das „Aktionsbündnis gegen S21“ aufgedeckt, dass die Bahn jahrelang Behörden, parlamentarische Gremien und Gerichte getäuscht hat: Die angeblichen Simulationen eines Brandereignisses und der anschließenden Rettung der Fahrgäste aus S21-Tunnels basieren lediglich auf „kalten“ Störfällen, bei denen kein Feuer und keinerlei giftiger Rauch vorkommen.

    Dieter Reicherter, Vorsitzender Richter am Landgericht a.D. und einer der Juristen des Aktionsbündnisses: „Jahrelang hatte die Bahn lediglich ‚Handrechnungen‘ als Nachweis dafür vorgelegt, dass 1.757 Menschen – so viel fasst ein Doppelstockzug – innerhalb von 15 Minuten aus einem brennenden Zug im Tunnel gerettet werden könnten. Sie behauptete, Computersimulationen hätten ihre Handrechnungen bestätigt, obwohl sie tatsächlich weder damals noch später über solche Simulationen verfügte. Und das Verkehrsminister Andreas Scheuer unterstellte Eisenbahnbundesamt hat auf dieser untauglichen Grundlage Genehmigungen erteilt.“

    Erst jetzt räumt die Bahn – in die Enge getrieben – ein, dass es sich bei einem Bericht der beauftragten Schweizer Firma Gruner AG nur um Simulationen für die Evakuierung bei einem Kaltereignis handelt. Da es bis heute für die Räumung von Zügen kein spezielles Simulationsprogramm gibt, wurden übrigens die Verhältnisse auf einem Schiff zugrunde gelegt. In der Mobilität eingeschränkte Menschen wurden überhaupt nicht berücksichtigt, was die Bahn jetzt ebenfalls eingestehen musste.

    Zwischenzeitlich haben reale Zugbrände und praktische Rettungsübungen mehrfach weit längere Evakuierungszeiten gezeigt als die von der Bahn behaupteten. Insbesondere bleibt aber die Gefahr unberücksichtigt, dass sich die tödlichen Rauchgase im Tunnel schneller ausbreiten als die Menschen fliehen können. Bezeichnend ist auch, dass die S21-Tunnel in puncto Sicherheit noch nicht einmal dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Im Gegensatz etwa zum Eurotunnel aus den 1980-er-Jahren und der zurzeit geplanten zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München fehlt die nötige „dritte Röhre“, um Feuerwehr und Rettungsdienste unverzüglich zur Brandstelle gelangen zu lassen. Bei S 21 müssen die Einsatzkräfte durch die Gegenröhre einfahren – allerdings erst, wenn dort alle Züge ausgefahren und die Leitungen geerdet sind.

    Trotz Kenntnis dieser Umstände entziehen sich Regierungspräsidium, Stuttgarter Feuerwehr und oberster Katastrophenschützer des Landes, Innenminister Thomas Strobl ihrer Verantwortung und zeigen sich bislang nicht gesprächsbereit. Das Aktionsbündnis fordert deshalb einen Baustopp, bis existenzielle Probleme wie der Brandschutz gelöst sind. Ein Weiterwursteln wie bisher birgt die Gefahr einer Bauruine: Nach vielen weiteren Jahren und Milliardenausgaben könnte dem Projekt die Inbetriebnahme-Genehmigung verweigert werden. Zumindest aber sind massive Kapazitätsverluste zu erwarten, wenn aus Sicherheitsgründen weit weniger Züge als vorgesehen die Tunnel werden befahren können.

    Kontakt:    Dieter Reicherter, 07192 930 522
    Martin Poguntke, 0151 403 602 56

    Hinweis     „Report Mainz“, 30. März 2021, 21.45 Uhr:
    (u.a.) „Mangelnder Brandschutz bei Stuttgart 21? Kritiker erheben schwere Vorwürfe“.

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  • Nachruf auf Gangolf Stocker
    28. März 2021

    Von Norbert Bongartz

    Liebe Freundinnen und Freunde!

    Vielleicht haben Sie auch schon erfahren, dass Gangolf Stocker am letzten Freitag, nach einem längeren Krankenhaus-Aufenthalt im Hospiz gestorben ist, im Alter von 77 Jahren.

    Viele, die erst vor wenigen Jahren zum Widerstand gegen Stuttgart21 gestoßen sind, werden Gangolf Stocker vielleicht nicht mehr kennen. Aber den älteren unter uns ist Gangolf noch wohl vertraut, war er doch über viele Jahre – seit 1995 – einer der Kerne unserer Bewegung und der Mittelpunkt des politischen Widerstands gegen das Stuttgarter Größenwahnsinns-Projekt.

    Gangolfs markanter, bärtiger Kopf – er erinnerte mich immer an mittelalterliche Propheten-Darstellungen – ließ schon auf den ersten Blick seine Eigenständigkeit erkennen; er war zeitlebens ein Nonkonformist, ein kritischer Geist, der seine Überzeugungen lebte und damit oft aneckte – schon als kompromissloser Kriegsdienstverweigerer, als zeitweiliges Mitglied in der DKP und als Mit-Initiator, gewissermaßen als einer der Gründer des bürgerlichen Widerstands gegen Stuttgart 21.

    Sein Weitblick und sein politisches Denken veranlassten ihn schon 1995, die Initiative „Leben in Stuttgart – kein Stuttgart 21“ ins Leben zu rufen. Er engagierte sich ab dem November 2009 bald bei den Montags-Demos und er gründete mit vielen Gleichgesinnten unser Aktionsbündnis, dessen erster Koordinator und Sprecher er war, einem Patriarchen ähnlich.

    Als Gangolf seinen politischen Kampf gegen Stuttgart 21 als aussichtslos erachtete, hat er sich vor 10 Jahren resigniert aus dem Widerstand herausgezogen – leider – und den Kontakt zu uns abgebrochen, zum Aktionsbündnis, das seither sein Erbe – nicht resignierend – mit anderen, eher wissenschaftlichen und juristischen Schwerpunkten weiter verfolgt.

    Als Gangolfs Erben sind wir dankbar und stolz über seine Pionierarbeit. Wir werden sein Erbe fortsetzen und unbeirrt weiter angehen gegen die immer durchsichtigeren, unredlichen, wahrscheinlich finalen Vernebelungsversuche der Projektpartner.

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