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23.5.2013 : 12:38 : +0200

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Andreas Keller

Mitbegründer (1981) und Intendant (bis 2008) der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Zahlreiche Ehrenämter im Kultursektor. Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Andreas Keller

Wider alle Vernunft ...

... erscheint mir heute das unbeugsame Festhalten der Herrschenden am Projekt Stuttgart 21. Dem ich, das sei offen zugegeben, im letzten Jahrhundert noch zugestimmt hatte, in Bewunderung vor einer gigantischen Ingenieursleistung und vermeintlichen Zukunftsvision.

Heute sehe ich das anders. Das mag auch mit dem höheren Alter zusammenhängen, vor allem aber mit einer komplett veränderten Gesamtsituation.

Nach meiner Überzeugung muss man S21 ablehnen, da es enorme Kosten verursacht, die nur über Schuldenmachen finanziert werden können. Schulden haben Kommunen, Länder und der Bund genug. Auch die Bahn als öffentliches Eigentum muss sich einer gesamtwirtschaftlichen Sichtweise unterordnen. Ich bin überzeugt, wie wahrscheinlich jedermann und jede Frau, dass die postulierten gut 4 Mrd. Euro nicht reichen werden. Das erschreckendste Beispiel einer Kostenexplosion im öffentlichen Bauwesen macht uns grade Hamburg vor mit seiner Elbphilharmonie (von gut 70 Mio auf knapp 500 Mio Euro). Würden wir im Gelde schwimmen, wäre dies Vorhaben sehr zu begrüßen. Bei einem Stadtstaat, der überschuldet ist und einer Bundesrepublik, die1600 Mrd. Schulden hat, unverantwortlich. Ein Musterbeispiel des Handelns nach dem Prinzip "Kosten kleinreden, vorsätzlich lügen bis der 'point of no return' erreicht ist". Ich glaube, dies würde uns bei S21 ebenso passieren. Ist erst mal der Bahnhof amputiert und die Grube gegraben, dann können die Kosten explodieren, wie sie wollen. Man muss zahlen, zahlen, zahlen und die, die seinerzeit demokratisch legitimiert die Entscheidungen gefällt haben, sind ja dann längst aus dem Amt/Job im Ruhestand oder anderswo - keinesfalls aber sind sie persönlich haftbar.

Neben dem finanziellen Argument, das allein schon für einen sofortigen Planungsstopp ausreicht und nach kostengünstigeren Alternativen suchen lassen muss, tritt die städtebauliche Verwüstung eines der zentralen Orte unserer Stadt. Schaut man die vielen grauenhaften Bausünden der letzten 50 Jahre an, dann ist oberstes Handlungsgebot Vorsicht und Umsicht, kulturelles Gespür und Mut zum bedächtigen Entwickeln einer/unserer Stadt.

Drittens stehen rund 300 Platanen "im Weg" - manche mehr als 200 Jahre alt und für das innerstädtische Klima unendlich wichtig. Zum Ersatz einer alten Platane müssten rund 100 neue / junge Bäume gepflanzt werden, also 30.000! Ehrfurcht vor dem Leben heißt auch Ehrfurcht vor Gottes Natur - zu der diese wunderbaren Bäume gehören, die Roland Ostertag mal als Gedächtnis der Stadt bezeichnete.

Viertens müssen wir die Tunnelbauten fürchten. Staufen i.Br. ist warnendes Beispiel! Allein die Möglichkeit einer Gefährdung unserer Mineralquellen ist Grund genug, von diesen Planungen Abstand zu nehmen.

Fünftens entfällt (gegenüber 1990 oder früher) das Argument der Zeitersparnis des Durchgangs- gegenüber einem Kopfbahnhof. Schneller wie schon heute sämtliche Züge im Kopfbahnhof diesen wieder verlassen, können sie dies auch im Durchgangsbahnhof nicht tun.

Sechstens ist ein mir besonders wichtiges Argument: wie erfährt der Ankommende die Stadt, wie ?begrüßt? sie ihn, bzw. bei der Abreise, wie verabschiedet sie sich von ihm. Die Zufahrten nach Stuttgart sind allesamt schön, teilweise zauberhaft. Die mir liebste ist die Einfahrt der Gäubahn, von Böblingen/Rohr kommend, am Stadtkessel im "Panoramawagen" entlang zur großen Kurve in den Hbf, oder aus Esslingen kommend am Neckar entlang, über diesen hinweg durchs Rosensteintunnel, am Rosensteinpark / Mittleren Schlossgarten entlang. Man erfährt (im doppelten Sinn des wortes), wie schön Stuttgart ist. Schon jetzt ist mir unwohl, wenn ich auf der Schnellstrecke nach/von Vaihingen/Enz lange im Tunnel an kahlen Wänden entlang rase. Käme S21 würden wir weit vor Stuttgart einem Maulwurf gleich im Tunnel verschwinden und dann vielleicht am Albaufstieg das Licht des Tages wieder erblicken und uns erstaunt fragen "das war Stuttgart?".  Wie kann ein OB, der seine Stadt liebt und dessen ganzes Tun dem Wohlergehen dieser Stadt verpflichtet sein muss, diese Barbarei zulassen? Vielleicht sollten sämtliche Entscheidungsträger mal mit der Bahn von allen möglichen Punkten nach Stuttgart fahren und wieder hinaus, danach eine Stunde in der Röhre? Wie "herrlich" begrüßen uns München, Leipzig, Dresden, Frankfurt, Zürich etc. etc. etc. - mit ihren Kopfbahnhöfen! Kein Mensch käme auf den Gedanken, diese Bahnhöfe aufzugeben zu Gunsten einer unterirdischen Tunnel-Durchfahrtslösung.

Schon viel Geld wurde ausgegeben in der Planung für S21. Doch noch immer wäre es ungleich billiger, diese Planung zu stoppen und umzulenken auf Varianten; dabei die finanziellen Möglichkeiten der kommenden Generationen im Auge haben und mit Besonnenheit und der vielgerühmten schwäbischen Sparsamkeit zu Werke gehen.

Man muss den Mut haben, eine ehedem für richtig gehaltene Position / Planung aufzugeben, wenn man bei nüchterner Betrachtung zu dem Schluss kommen muss, dass sie untragbar geworden ist. Das ist für mich verantwortliches und zukunftsbewusstes Handeln und Beweis von Größe..

Noch habe ich Hoffnung ...

Andreas Keller