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7.9.2010 : 12:55 : +0200

Dr. Brigitte Dahlbender
Landesvorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Baden-Württemberg

Dr. Brigitte Dahlbender bei der Kundgebung am 11.10.2008

Liebe Freunde des Kopfbahnhofes,

das Motto der Menschenkette "Hände weg von unserem Bahnhof" möchte ich ausdehnen auf die Forderung "Hände weg vom Schlossgarten", denn Stuttgart 21 wird den Schlossgarten an seiner empfindlichsten und für die Naherholung wichtigsten Stelle nahezu komplett zerstören. Über 250 Großbäume müssen für die Tieferlegung im Umfeld des Hauptbahnhofes gefällt werden. Ein einzelner diese Bäume bindet bis zu 1000 kg Feinstaub pro Jahr - und das an einer Stelle, die bundesweit als Spitzenreiter in punkto Luftbelastung gilt. Für das Stuttgarter Stadtklima müssten dieses Bäume eigentlich mit Gold aufgewogen worden.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und die Grünen haben im Juli ein seriöses und für alle nachvollziehbares Kostengutachten zu Stuttgart 21 vorgestellt.
Ergebnis: Stuttgart 21 kostet bei Inbetriebnahme nach 10 Jahren Bauzeit knapp 7 Mrd. Euro. Statt sich verantwortungsvoll mit dem Gutachten auseinanderzusetzen und die Steuerzahler vor riesigen Ausgaben für einen schlechten Bahnhof zu bewahren, ignoriert die Landesregierung die fundierte Kritik und singt weiter das hohe Lobeslied auf das Prestigeprojekt. Gleichzeitig weigert sich die Bahn, ihre Stellungnahme zu dem Gutachten des BUND und der Grünen zu veröffentlichen und sich einer fachlichen Diskussion zu stellen.

In diesem Zusammenhang ist die Kreditaufnahme von 112 Mio. Euro seitens des Flughafens im vergangenen Juli für Stuttgart 21 interessant. Nur dadurch konnte das Projekt erneut über die Wirtschaftlichkeit gehievt werden. Skandalös dabei ist, dass das Geld bereits an die Bahn AG überwiesen wurde - und zwar ohne Gegenleistung.

Stuttgart 21 ist nicht nur ökologisch und ökonomisch ein Unsinn, sondern auch aus bahnbetrieblichen Gründen. Mit diesem Projekt verbauen wir uns die längst überfällige Verkehrswende, also weg von der Straße hin zur Schiene. Einen integralen Taktfahrplan nach dem Vorbild des Bahnmusterlandes Schweiz ist nur mit den vielen Bahnsteigen des Kopfbahnhofes machbar. Zudem bindet das Projekt so viele Mittel, dass der Nahverkehr mit Bussen und Bahnen im Lande immer mehr ausgedünnt wird. Stellt euch vor, Stuttgart 21 ist gebaut, dem Land fehlt aber dann das Geld, um Nahverkehrszüge nach Rottweil, Heilbronn, Freudenstadt, etc. zu bestellen und zu bezahlen.

Wir wollen einen modernen, zukunftsfähigen Bahnhof in Stuttgart. Mit dem Kopfbahnhof ist dies machbar. Er ist nutzerfreundlich, leistungsfähig und die Modernisierung kann in einem vernünftigen Kosten-Nutzen-Verhältnis sowie in Etappen realisiert werden. Die Umweltverbände haben mit dem Alternativkonzept Kopfbahnhof 21 den Beweis erbracht, dass dies zu einem Drittel der Kosten von Stuttgart 21 möglich ist.

Wir wollen auch die Neubaustrecke nach Ulm, denn nur Sie bringt die relevanten Fahrzeitverkürzungen. Die Stecke könnte schon längst in Betrieb sein, aber die jahrelange Hängepartie um Stuttgart 21 hat die Planung der Neubaustrecke nahezu lahm gelegt.

Im Übrigen möchte ich darauf hinweisen, dass die Umweltverbände schon Anfang der 90er Jahre ein sog. City-Bahn-Konzept vorgestellt haben, das ganz Baden-Württemberg deutliche Verbesserungen im Zugangebot unter Beibehaltung des Kopfbahnhofes gebracht hätte. Es ist schlicht die Unwahrheit, dass der Widerstand gegen Stuttgart 21 und die Vorstellung von Alternativen erst im letzten Jahr eingesetzt haben.

Ich möchte Sie bitten, beim Widerstand nicht locker zu lassen und noch stärker das sofortige Aus von Stuttgart 21 zu fordern.