Kopf aus dem Sand! Vor dem Lenkungskreis fordert das Aktionsbündnis eine Neupositionierung des Landes

Im Vorfeld der Lenkungskreissitzung am 7. November hat das Aktionsbündnis die Landesregierung aufgefordert, nicht länger die Augen vor den Fakten zu verschließen, die zuletzt der Bundesrechnungshof in seinen Prüfberichten zu Stuttgart 21 aufgetischt hat. Darin wird der Bundesregierung vorgeworfen, sich der Verantwortung für das finanziell aus der Kontrolle geratene Projekt zu entziehen. In einem zweiten Bericht bestätigt das höchste Kontrollgremium der Republik eine weitere Kostenexplosion: Zu der Kostensteigerung auf 6,5 Milliarden Euro, deren Verteilung weiterhin völlig unklar ist, konstatiert der Bundesrechnungshof weitere Milliarden Mehrkosten, Zeitverzug und bisher ignorierte Projektrisiken.

In einem Schreiben an Ministerpräsident Kretschmann, Innenminister Strobl und Verkehrsminister Hermann fordert das Bündnis eine Neupositionierung des Landes in der bevor stehenden Lenkungskreissitzung als Konsequenz aus der neuen Faktenlage. Das Projekt bewege sich längst jenseits jeder Wirtschaftlichkeit. Angesichts nicht finanzierter Mehrkosten von mindestens drei Milliarden Euro sei es naiv zu erwarten, dass es mit dem vollmundigen Bekenntnis sein Bewenden habe, das Land werde sich an Mehrkosten nicht beteiligen. Schließlich betone das Land ja zum Überdruss seine Projektförderrolle, die sie ggf. über Gerichtsurteile auch in eine Mitfinanzierungsrolle bringen werde.

Das vom Bundesrechnungshof hervor gehobene Verbot, unwirtschaftliche Projekte zu fördern, gelte genauso für das Land. Eine Weiterförderung von Stuttgart 21 durch die Landesregierung verstoße gegen die Landeshaushaltsordnung, die ebenso zu Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit verpflichte, so Jurist von Loeper. Hier werde auch der Begriff der Haushaltsuntreue relevant, der neuerdings im Zusammenhang mit der Kostenexplosion von Großprojekten wie BER und Stuttgart 21 diskutiert wird.

Als Projektpartner, dessen Votum für das weitere Schicksal des Projekts maßgeblich ist, darf das Land auch nicht der strafbaren Untreue des Bahn-Aufsichtsrats Vorschub leisten. Stattdessen sollten Stadt und Land in der Lenkungskreissitzung darauf hinwirken, dass der Bahn-Aufsichtsrat am 14. Dezember den Weg frei macht, über Alternativen zu reden, wie sie das Aktionsbündnis mit dem Konzept Umstieg 21 vorgelegt hat.

Damit würden dem Land nicht nur unkalkulierbare Haushaltsrisiken erspart, es könnte bei Umnutzung der Stuttgart-21-Baustellen einem Kostengutachten des Verkehrsberaters Dr. Vieregg zufolge 6,45 Milliarden Euro einsparen und hätte am Ende einen viel leistungsfähigeren Bahnknoten.

Es gehe nicht an, so von Loeper, dass der DB-Vorstand den hohen Rang des unabhängigen Prüfberichts des Bundesrechnungshofs ignoriere und sich hinter dem geheim gehaltenen Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG und Basler verschanze, die laut Vorstand Kefer nur genau jene Zahlen bestätigen, die ihnen die Bahn vorgegeben habe. Von Loeper forderte die verantwortlichen Landespolitiker auf, die beiden von der Bahn gegen den Rechnungshof ins Feld geführten Gutachten einzufordern und zu veröffentlichen.

Anlagen:

Schreiben des Aktionsbündnisses an Ministerpräsident Kretschmann, Innenminister Strobl und Verkehrsminister Hermann zur Lenkungskreissitzung am 7. November 2016
1. Bericht des Bundesrechnungshofs vom 8. September 2016
2. Bericht des Bundesrechnungshofs vom 8. September 2016 – auf Nachfrage an Werner Sauerborn

Kontakt:
Eisenhart von Loeper 07452 4995
Werner Sauerborn 0171 320 980 1

Kommentare Dr. Eisenhart von Loeper, Sprecher des Aktionsbündnisses zum mageren Ergebnis des Lenkungskreises

„Dass die DB AG inzwischen sämtliche Kosten- und Zeitzusagen gebrochen hat, hat die ganze Republik verstanden, nur offensichtlich die Vertreter von Stadt und Land nicht. Sie lassen sich zum wiederholten Male mit Unverbindlichem und Sprechblasen abspeisen.“

„Ob das Projekt um Milliarden teurer und die Stadt bis ultimo in Baustellen und Verkehrschaos versinkt, scheint die Verantwortlichen in Stadt und Land nicht sonderlich zu beunruhigen. Sonst wären sie im Lenkungskreis mit knallharten Ansagen aufgetreten und nicht in dieser leisetreterischen Weise.“

„Bei Kuhn und Winfried Herrmann kann sich die Bahn offensichtlich alles leisten. Mehr als ein bisschen Kritik am Kommunikationsstil der Bahn, die Kefer locker weglächelt, scheint ihnen nicht einzufallen. Dabei geht es nicht um Kommunikation, sondern um die großen Defizite und Planungsmängel des Projekts und deren dramatische Folgen für die Stadt!“

„Die DB hat doch längst jede Glaubwürdigkeit bei S21 verspielt. Stadt und Land machen sich immer mehr zu Gehilfen eines längst gescheiterten Projekts.“

GdL und Stuttgart 21, Bürgerbegehren-Endspurt, Lenkungskreissitzung

Liebe Freundinnen und Freunde,

die halbe Republik gerät schier in Rage, wenn es um die Streiks der GdL geht. Ganz anders die gut 300 Stuttgart 21- GegnerInnen, die am letzten Samstag nach Bonn aufgebrochen waren, um beim Eisenbahn-Bundesamt für Ausnahmegenehmigungen ihren Protest zu platzieren. (Bericht: www.bei-abriss-aufstand.de/2014/10/23/bericht-von-der-bonner-demo-die-schiene-ist-das-ziel-am18-10-2014/#more-53687)

Auch die Bonnfahrer hatten zu leiden unter den Folgen des Streiks: Viele mussten noch früher aufstehen, um um 6h den Sonderzug zu erreichen. Klaus, der legendäre Fiedler, fiel aus und auch der Beitrag von Hauptredner Carl Waßmuth von „Bahn für alle“ musste verlesen werden, weil von Berlin keine Züge nach Bonn fuhren. Und dennoch: Als Mike Pflugrath von attac, ver.di Betriebsrat bei der Post AG und Mitorganisator des Ganzen, seine Solidarität mit den streikenden GdLern erklärte, gab es großen Applaus.

Sind die S21-GegnerInnen so anders als der Rest der Republik? Oder liegt es daran, dass sie sich nach langjährigen Erfahrungen mit der Bahn AG und mit der veröffentlichten Meinung nicht mehr so einfach ein X für ein U vormachen lassen? Sehr gut erinnern sie z.B., dass es Mario Reiß von der GdL war, von dem die einzige Gegenstimme kam, als es in der AR-Sitzung am 5. März 2013 um den Weiterbau von Stuttgart 21 trotz dramatischer Kostenexplosion ging. Die VertreterInnen der konkurrierenden EVG dagegen verhalfen nach kurzem Gemoser der Linie der Arbeitgeberseite, gesponsort von Merkel über Pofalla, eine satte Mehrheit für die Fortsetzung des Katastrophenprojekts.

Aber was sagt das über den derzeitigen Tarifkonflikt bei der Bahn? Viel! Denn die Gegenstimme von Reiß ist Ausdruck von gewerkschaftlicher Autonomie gegenüber der Arbeitgeberseite. An dieser Unabhängigkeit, die elementares Kriterium von Gewerkschaftlichkeit ist, mangelt es der konkurrierenden EVG seit langem. Immer treu an der Arbeitgeberseite hat sie all die Fehlentscheidungen mitgetragen, deren Opfer jetzt die Beschäftigten selbst werden – von der Privatisierung der DB 1994 www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bahn-privatisierung-transnet-pocht-auf-boersengang-1.289940, über einen gigantischen Personalabbau, der nicht nur bei den Stellwerkern in Mainz zu Engpässen führte bis hin zu der fatalen S21-Gefolgschaft, mit der der Bahn in Milliardenhöhe das Geld entzogen wird, das für die Infrastruktur und auch für die anständige Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten so dringend benötigt würde. Auch der jetzt vielen Beschäftigten von DB-Regio drohende Arbeitsplatzverlust bei der Neuvergabe der Stuttgarter Nahverkehre hat viel mit dieser von der EVG mitgetragenen Bahnpolitik und den Reputationsverlusten infolge der provokativen S21-Politik der DB zu tun.

Engagierte GewerkschafterInnen beeindruckt an der GdL auch, dass sie eine zukunftstauglichere Organisations- und Tarifpolitik betreibt. Früher als der Platzhirsch EVG hat sie erkannt, dass es darauf ankommt auch bei den vielen neuen privaten Bahnkonkurrenten ein Bein auf den Boden zu bekommen und damit dem Runterdumpen Einhalt zu gebieten. Auch dass die GdL das Thema Arbeitszeitverkürzung in diesem Tarifkonflikt wieder aufgreift, zeigt, dass sie gewerkschaftliche Schlüsselthemen voranbringt.

Schnell verabschieden sollte sich die GdL allerdings von ihrem Modell des „Gewerkschaftspluralismus“. Sportlicher Wettkampf unterschiedlich starker Beschäftigtengruppen gegeneinander schadet letztlich allen. Die große Lektion aus der Geschichte der Gewerkschaftsbewegung heißt Einheitsgewerkschaft. Nur alle zusammen, egal welcher Religion, welcher politischen Überzeugung, welcher Herkunft und welchen Berufs sind in der Lage dem strukturellen Übergewicht der Arbeitgeberseite etwas entgegen zu setzen. Gerade um gesetzliche Eingriffe in das Streikrecht zu vermeiden, muss die GdL mit der EVG zusammenkommen, ihr Druckpotential für die ganze Belegschaft einbringen.

Endspurt Bürgerbegehren: Aktionswochenende 24.-26. Oktober

In einem gemeinsamen Kraftakt sollen am kommenden Wochenende die Bürgerbegehren über den Berg gebracht werden! Die erforderlichen 20 000 wären längst beisammen, wenn nicht so viele ungültige, v.a. Doppelunterschriften dabei gewesen wären.

Die Erfahrungen beim Sammeln zeigen: Stuttgart21 hat kaum noch Sympathisanten. Bei den meisten ist es inzwischen geradezu verhasst. Dennoch heißt es oft: „Zu spät“ oder „Die machen doch was sie wollen“.  Diese Resignation ist das Ergebnis der Faktenschafferei der Bahn – aber damit stößt sie immer mehr an Grenzen – siehe Filderanhörung.

Die Bürgerbegehren sind eine von vielen Möglichkeiten gegenzuhalten, auch weil sie neue juristische Angriffsmöglichkeiten eröffnen. Es geht um Unterschriftensammeln, aber auch um Gespräche, um Präsenz in der Öffentlichkeit. Wenn wir die 20 000 geschafft haben, ist der Gemeinderat gezwungen, sich wieder grundsätzlich mit S21 zu befassen: Sind die Verträge kündbar, weil die Kostenzusage und die Leistungszusage gebrochen wurden? Muss man einen Kaufvertrag erfüllen, wenn der Verkäufer das Doppelte für die halbe Leistung verlangt? Schluss mit Wegducken!

Deshalb wäre es schön, wenn sich viele an den 12 geplanten Ständen beteiligen würden. Vor allem, um zu sammeln. Aber auch um der Gespräche willen – für alle den Unterschriftensammeln nicht so liegt …

Wir haben auch die Bekannteren unter uns, um nicht Promis zu sagen, um Unterstützung gebeten. Egon Hopfenzitz wird aufkreuzen, Eisenhart von Loeper sammelt die ganze Zeit mit Klaus Amler von den Grünen in Degerloch, Tom Adler am Marienplatz, Klaus Gebhardt am Marienplatz, Matthias von Hermann am Max-Eyth-See – und hoffentlich noch einige mehr.

Anleitung zum Unterschriftensammeln

Lenkungskreis ungelenk

Verschieben, vertagen, verdrängen war wohl die Devise der Sitzung des S21-Lenkungskreises: Videos von der Pressekonferenz danach: www.bei-abriss-aufstand.de/

SPD: Sieh mal an!

Die Kreisdelegiertenkonferenz der SPD Stuttgart hat sich am Montag, 20.10.2014 gegen die beabsichtige Änderung des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) ausgesprochen. Dem Initiativantrag des Ortsvereins Nord/Prag wurde bei nur einer Gegenstimme zugestimmt.

Dass der Antrag wohl kaum Chancen gehabt hätte, wenn das eigentliche Motiv der geplanten Gesetzesänderung (nicht der ganzen, nur eines problematischen Halbsatzes), mit der S21 der Weg geebnet wird, genannt worden wäre, ist wohl was SPD-Spezielles.

Frank Distel und Steffen Siegel an Dobrindt und Merkel

Nachdem die Antragstrasse der Bahn auf den Fildern mit Pauken und Trompeten durchgefallen ist und nur als Erpressungsinstrument taktisch noch weiterverfolgt wird, und auch die sog Plus-Variante mindestens soviele Nachteile hat, wenden sich Frank Distel und Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Filder in einem Brief an Bundeskanzlerin und Verkehrsminister, in dem sie fordern, „dass auf dem Filderabschnitt sowohl die Antragstrasse der Bahn, als auch die Notlösung „Bahnhof Plus“ aufgegeben werden und stattdessen die kostengünstigeren, bahnbetrieblich wesentlich vorteilhafteren Varianten zum Erhalt der Gäubahn auf ihrer Bestandsstrecke planerisch untersucht und weiterverfolgt werden.“

In einer Pressemitteilung der Schutzgemeinschaft wird noch einmal deutlich beschrieben, wieso auch die Bahnhof Plus-Variante ein Rohrkrepierer ist. Es gilt vielmehr „echte Alternativen zu verfolgen, statt erneut ein Fehlprojekt zu produzieren“, so Steffen Siegel.

Wolfgang Sternstein an Merkel

In einem eindringlichen und persönlich gehaltenen Schreiben wendet sich Dr. Wolfgang Sternstein an die Bundeskanzlerin: „Im Interesse unseres Landes und in Ihrem Interesse bitte ich Sie eindringlich: Stoppen Sie dieses Projekt! Sie haben mit dem Atomausstieg bewiesen, dass Sie in der Lage sind, notwendige Entscheidungen auch gegen Widerstand durchzusetzen.“ Wolfgang Sternstein empfiehlt Nachahmung, am besten in abgewandelter Form.

viele Grüße von Werner